IT’S DERBYTIME! - Das 314. Wiener Derby steht vor der Tür
Das erste Wiener Derby der Saison steht vor der Tür und damit auch die wichtige Frage für die Fans der beiden Klubs: „Wer ist die Nummer eins in Wien?“ Eine Analyse von Sportzeitung-Experte Martin Scherb.

Im Spielsystem sind sich Rapid und die Austria ähnlich, das 4-2-3-1 bildet die Grundordnung. Unterschiede gibt es jedoch in der Spielanlage. Die Austria unter Neo-Coach Thorsten Fink versucht den Gegner müde zu spielen und die richtige Situation für den Pass in die Tiefe oder auf die andere Seite zu finden. Rapid unter Trainer Zoran Barisic versucht diese Räume schneller zu bespielen, bis auf 30 Meter durch das Zentrum zu kombinieren und dann auf die Seite zu kommen. Ich habe die Schlüsselspieler beider Teams verglichen und bewertet. Daraus folgt, dass Rapid als leichter Favorit in das Spiel am Mittwoch geht. Solche Einschätzungen sollen Ihnen als Leser helfen, die Spieler aber werden auf jeden Fall alles daran setzen, mich zu bestätigen oder zu widerlegen. Ich glaube, dass es ein packendes Wiener Derby am Mittwoch geben wird!

DIE TORHÜTER

Nach einigen Jahren als Backup bekam Robert Almer bei Austria Wien dasselbe große Vertrauen als Stammtorhüter ausgesprochen, das ihm Teamchef Marcel Koller schon länger schenkt. Almer rechtfertigt dieses Vertrauen auch und wurde sogar zum neuen Kapitän der Veilchen ernannt. Der 31-jährige gebürtige Steirer wirkt mit seinem gesamten Auftreten ruhig und souverän. Almer beherrscht die notwendigen Grundtechniken perfekt und spielt grundsolide. Auch beim Spiel mit den Füßen offenbart er keinerlei Schwächen. Jan Novota überragt seinen Kollegen um fünf Zentimeter. Vielleicht auch dadurch wirkt Novota manchmal wie ein großer tapsiger Bär. Der Rapid-Goalie hat sich seit seinem Engagement bei den Grünen erheblich weiter entwickelt, offenbart aber doch noch einige Schwächen. Sein Timing bei Flanken ist nicht immer perfekt und auch seine technischen Fähigkeiten mit den Füßen sind noch ausbaubar. Der Slowake ist auf der Linie auch auf Grund seiner Physis ein hervorragender Torhüter, im Gesamtpaket ist für mich Robert Almer aber besser Vorteil Austria.

DIE ABWEHRCHEFS

Die Innenverteidigung beim Auftaktspiel der Austria bildeten Windbichler und Rotpuller. Der eine, Richard Windbichler ist verletzt, der andere, Lukas Rotpuller, gesperrt. Aller Voraussicht nach werden daher beim Derby Vance Sikov und Patrizio Stronati das Innenverteidigerduo bilden. Sikov wird dabei die Rolle des Chefs innehaben. Der Mazedonier besticht durch seine körperlichen Vorzüge, er ist 1,94m groß und sehr robust in den Zweikämpfen. Sikov ist ein guter, solider Verteidiger in der Formation, hat aber Schwächen in der Handlungsschnelligkeit, wenn es gilt rasch Entscheidungen zu treffen. Gut zu sehen beim 1:0 von Sulimani im Spiel gegen den SV Grödig, als Sikov viel zu zögerlich rausschob und attackierte. Bei Rapid ist „Ersatzkapitän“ Mario Sonnleitner der unbestrittene Chef in der Verteidigung. Sonnleitner besticht durch Top-Zweikampfwerte und durch gute Zweikampfführung. Kein Spieler bei Rapid hat so viele klärenden Aktionen wie der 29-Jährige. Sonnleitner ist auch der, der die Kommandos zum Rausrücken gibt, wenn die Rapid-Mannschaft versucht, hoch zu attackieren. In der Offensive ist der gebürtige Steirer gemeinsam mit einem der abkippenden Mittelfeldspieler für die erste Phase des Spielaufbaus verantwortlich. Vorteil Rapid.

DIE STRATEGEN

Die Spielanlagen der beiden Teams sind, wie oben schon beschrieben, unterschiedlich. Deshalb habe ich auch zwei Spieler für meinen Vergleich herangezogen, die nicht auf denselben Positionen spielen. Bei der Austria ist Raphael Holzhauser der Mann, der die Fäden zieht. Er holt gemeinsam mit Vukojevic von ganz hinten die Bälle und bringt sie in die gefährlicheren Zonen nach vorne. Holzhauser ist der Spieler bei den Violetten, der die meisten Pässe in die bzw. in der gegnerischen Hälfte spielt. Das passiert mittels Kurzpassspiel aber auch oft mit Diagonalbällen auf die ballferne Seite. Holzhauser verfügt dabei über eine sehr gute Pass- und Schusstechnik, die er immer wieder einzusetzen versucht. Bei Rapid wird die Seite oft erst im letzten Angriffsdrittel gesucht. Und genau da liegen auch die Stärken von Steffen Hofmann. Die Rapid-Legende, von den Fans ja als Fußballgott bezeichnet, wird in dieser (vielleicht seiner letzten) Saison nicht mehr alle Spiele bestreiten. Hofmann versteht es hervorragend, seine Mitspieler in gute Positionen zu bringen. Kein anderer Rapid-Spieler hat so viele Torschussvorlagen wie der Kapitän, der diese Pässe meist mittels Diagonaldribblings, bei denen sich die Gegner auf Hofmann konzentrieren, einleitet. In Summe gehen aber die Jahre auch am Rapid-Kapitän nicht mehr ganz spurlos vorbei und so sehe ich im Duell der Strategen ein… Unentschieden.

DIE VOLLSTRECKER

Einen richtigen Vollstrecker sucht die Austria eigentlich seit dem Abgang von Philipp Hosiner. In dieser Saison soll es der Nigerianer Kayode richten. Der hat in den ersten Spielen dank seiner Dynamik und Technik schon für Begeisterungsstürme bei den violetten Fans gesorgt. Kayode kommt dabei mit Tempo von der Außenlinie in das Zentrum oder wechselt aus der Halbposition mit Zulechner die Position in der Sturmmitte. In den bisherigen drei Meisterschaftsspielen musste sich die Austria und damit auch ihr Sturm-Neuzugang mit tief stehenden Gegnern abplagen. Man darf gespannt sein, wie Kayode seine Explosivität, vielleicht sogar schon am Mittwoch im Derby, mit noch mehr Raum nutzen kann. Rapid hat mit Robert Beric noch einen klassischen Mittelstürmer moderner Prägung. Beric beteiligt sich im Spielaufbau als Abpraller, von dem aus die Bälle dann tief gespielt werden. Und dann ist der Slowene dort zu finden, wo sein Revier ist, nämlich im Strafraum. Da hat der Rapid-Goalgetter seine Stärken. Ob mit links, mit rechts oder mit dem Kopf, Beric verarbeitet die Bälle meist mit dem ersten Kontakt und dabei sehr oft ins Tor. Sollte Beric noch in diesem Sommer gehen, wäre das ein herber Verlust für die Grünweißen. Vorteil Rapid.

 

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